Zum Deutschen Requiem
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod bleibt keinem erspart. Das Sterben eines nahe stehenden Menschen reisst aus dem Alltagsleben, relativiert das bis anhin für wichtig Gehaltene, wühlt auf, wirft Fragen auf und konfrontiert unausweichlich mit der eigenen Endlichkeit. Ist der Tod Erlösung aus dem vergänglichen irdischen Leben? Ist das Sterben der Beginn eines neuen Lebens? Können wir, im Glauben an ein neues, besseres Leben, mit Brahms trotzig schreien „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Diese und andere Fragen mögen Brahms während der langen Entstehungszeit des Deutschen Requiems (1861–1868) umgetrieben haben. Das Miterleben des seelischen, geistigen und körperlichen Verfalls seines väterlichen Freundes Robert Schumann und dessen Tod waren Auslöser für das persönliche Durcharbeiten der Thematik. Zudem haben wohl die vielen Enttäuschungen im Zusammenhang mit der „unmöglichen“ Liebe zu Clara Schumann (Brahms schenkte ihr als Weihnachtsgeschenk 1866 einen Klavierauszug des eben vollendeten Werks) und der Tod seiner geliebten Mutter (1865) die Kompositionsarbeit wesentlich beeinflusst.

Brahms hat die Textgrundlage aus dem Alten und Neuen Testament selber zusammengestellt. Die textliche und musikalische Dichte des Werks lässt keinen unbeteiligt. Was löst das dunkle und unerträglich oft wiederholte „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen" bei uns aus? Wie bilanzieren wir unser bisheriges Leben, wie bewerten wir das uns eben gerade noch sehr Wichtige angesichts der Lektion, die uns der Bariton zusammen mit dem Chor erteilt: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss“? Text und Musik, zur Einheit verschmolzen, rütteln auf, konfrontieren mit existenziellen ängsten, trösten und vermitteln gleichzeitig zärtliches Aufgehobensein und feste Zusagen: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual rühret sie an.“

Im März 1868 dirigiert Brahms im Bremer Dom vor 2500 Menschen die Uraufführung des Requiems (ohne den fünften Satz, den er erst im Mai komponiert). Clara Schumann schreibt in ihr Tagebuch: „Mich hat dieses Requiem ergriffen, wie noch nie eine Kirchenmusik…Ich musste immer, wie ich Johannes so dastehen sah mit dem Stab in der Hand, an meines teuren Roberts Prophezeiung denken, „lasst den nur mal erst den Zauberstab ergreifen, und mit Orchester und Chor wirken“ – welche sich heute erfüllte…Das war eine Wonne für mich, so beglückt fühlte ich mich lange nicht."

In einem Brief an Johannes Brahms schreibt sie: „... aber ich muss Dir noch sagen, dass ich ganz und gar erfüllt bin von Deinem Requiem, es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig Anderes. Der tiefe Ernst vereint mit allem Zauber der Poesie wirkt ganz wunderbar, erschütternd und besänftigend. Ich kann's, wie Du ja weisst, nie so recht in Worte fassen, aber ich empfinde den ganzen reichen Schatz dieses Werkes bis ins Innerste und die Begeisterung, die aus jedem Stück spricht, rührt mich tief, daher ich mich auch nicht enthalten kann es auszusprechen."

[ November 2004 | Aus dem Textheft | Zu Johannes Brahms | Zum Deutschen Requiem ]

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Last modified 17.02.2005