Aus dem Textheft
Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher

Zur Einstimmung in die Advents- und Weihnachtszeit bringt der Laudate-Chor Bachs Weihnachtsoratorium zur Aufführung. Mit diesem aussergewöhnlich beliebten Werk gelingt es Bach, zu berühren und adventliche Gefühle zu wecken. Die Weihnachtszeit ist seit jeher mit feierlichen Bräuchen und besinnlichen Ritualen verbunden. Dazu gehört für eine immer zahlreicher werdende Schar Musikinteressierter auch der Besuch einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums. 275 Jahre nach dem ersten Erklingen des Weihnachtsoratoriums in den beiden Leipziger Kirchen St. Nicolai und St. Thomas (1734) singt der Laudate-Chor vier der insgesamt sechs Teile. Ursprünglich sind die Teile des Weihnachtsoratoriums an sechs verschiedenen Tagen rund um das Weihnachtsfest im Rahmen der lutherischen Messefeier einzeln erklungen. Heute wird das Weihnachtsoratorium meistens im Rahmen eines Konzerts aufgeführt. Gegen drei Stunden würde das gesamte Werk dauern. Das wäre – trotz der unbestrittenen Sonderstellung des Werks und seinen vielfältigen und ausserordentlichem Qualitäten – dem Konzertpublikum nicht zuzumuten.

Der erste Teil ist ganz der Geburt Jesu gewidmet. Mit einem Jubelchor wird Gott für „seinen Entschluss“ gepriesen, die im Alten Testament prophezeite Menschwerdung Gottes zu vollziehen. Der zweite Teil führt uns zu den Hirten. Geblendet durch die Erscheinung eines Engels und im ersten Moment von Angst erfüllt, erfahren sie von der Geburt Jesu. Vor der Krippe stehend, sehen sie die himmlischen Heerscharen und hören ihre Lobgesänge. Die beiden folgenden Teile schildern die Geschehnisse rund um die Weisen aus dem Morgenland. Herodes lässt sich von seinen Gelehrten über die in den heiligen Schriften prophezeite Geburt eines neuen Königs aufklären. In Angst und Schrecken versetzt, beschliesst er, ihn umzubringen.

Bei der Komposition des Oratoriums ging es Bach nicht allein um die Vertonung der Weihnachtsgeschichte. Die Erzählung immer wieder unterbrechend, geben Arien, Duette, Chöre und Choräle Gelegenheit zum Verweilen und zur Vertiefung. Vielleicht gelingt es hie und da, die zeitliche Distanz zur biblischen Geschichte aufzuheben und – mit Toleranz und Nachsehen gegenüber barocken Wortschöpfungen – den Sinn der Weihnachtsgeschichte für sich zu aktualisieren und neu zu verstehen. Bachs Musik lässt Hektik und Anspannung verstummen und öffnet Herz und Sinne für Advent und Weihnachten.

Jürg Jakob

[ November 2009 | Aus dem Textheft | Zu Johann Sebastian Bach ]

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Last modified 21.08.2009