Aus dem Textheft
Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher

Nach zwei aussergewöhnlichen Werken der Komponisten John Rutter (Magnificat) und Karl Jenkins (Requiem) und der h-Moll-Messe Johann Sebastian Bachs im vergangenen Jahr stellt der LAUDATE-CHOR mit dem aktuellen Konzertprogramm Trois chœurs religieux für Frauenchor und die Petite Messe solennelle von Gioacchino Rossini vor. Der italienische Meister der Dramatik richtet seine Kompositionen scheinbar mit leichter Hand und köstlich an – etwa so, wie der ausgezeichnete Koch Rossini seine kulinarischen Kenntnisse und Fertigkeiten in den Dienst geladener Gäste gestellt haben mag. Der für seine Opern und Ouvertüren bekannte und überaus erfolgreiche Komponist hat sich in der zweiten Hälfte seines Lebens – und in diese Zeit fällt die Entstehung der Petite Messe solennelle – intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs beschäftigt. Bachs Kantaten und Messen zur alleinigen Referenz für geistliche Musik zu erheben, ein Standpunkt, der zu Rossinis Zeiten und bis heute immer wieder mit Vehemenz vertreten wird, greift zu kurz. Musik von unterschiedlichen Musikpersönlichkeiten und aus anderen Epochen muss und soll sich verschieden anhören. Der Vergleich mit Bach und der Norddeutschen Schule des Barockzeitalters hat Rossini und anderen mediterranen Komponisten zu schaffen gemacht. Etwas davon wird spürbar in der Bemerkung, die Rossini gegenüber dem gefürchteten Kritiker, Eduard Hanslick, gemacht haben soll, als sich dieser nach der Petite Messe erkundigt hat: „Das ist keine Kirchenmusik für euch Deutsche; meine heiligste Musik ist immer nur semi-seria (halb ernst)“. Pointiert notiert er auf der Originalpartitur: „Lieber Gott – voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik (musique sacrée) oder vermaledeite Musik (sacrée musique)? Ich bin für die Opera buffa (komische Oper) geboren, du weisst es wohl. Wenig Kenntnisse, ein bisschen Herz, das ist alles [...]“. G. Rossini – Passy 1863.

Von E.T.A. Hofmann überliefert gibt es zum unsinnigen Vergleichen nicht vergleichbarer Kunstwerke folgendes Bild: „Sebastian Bachs Musik verhält sich zu der Musik der alten Italiener ebenso wie das Münster in Strassburg zu der Peterskirche in Rom“. Wer möchte diese architektonischen, der jeweiligen Kultur, den technischen Möglichkeiten und dem Zeitgeist entsprechenden Kunstwerke gegeneinander ausspielen? Und, sind es nicht die bedeutenden Komponisten aus deutschem Lande gewesen, die nach Italien gereist sind, um die dortige Kompositionstechnik und Aufführungspraxis zu studieren? Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur italienische Komponisten an der „ernsten und unerreichbaren protestantischen Kirchenmusik“ der deutschen Meister messen lassen mussten. Der berühmte Joseph Haydn antwortete auf die vorwurfsvolle Frage, warum seine Messen so fröhlich, fast ein wenig lustig tönen würden: „Weil, wenn ich an Gott denke, ich immer so unbeschreiblich froh werde.“

Die Petite Messe solennelle ist ein reifes, eigenständiges und künstlerisch voll gültiges geistliches Werk mit unverkennbaren individuellen Merkmalen. Dazu gehören die grossen musikalischen Bogen und reiche Harmonik, Melos und Dramatik, Sinnlichkeit und typisch südländischer Belcanto. Der LAUDATE-CHOR hat sich durch die intensive Auseinandersetzung mit Rossinis Werken und deren Ausstrahlung begeistern lassen. Lassen auch Sie sich mitreissen vom Reichtum des musikalischen Ausdrucks, mit welchem Rossini seine persönliche Interpretation des von unzähligen Komponisten vertonten Messetexts geschaffen hat, lassen Sie sich berühren von den schönen Stimmen und dem ungewöhnlichen Klang, der von der speziellen Kombination von Chor, Konzertflügel und Harmonium herrührt, lassen Sie sich überraschen von der tiefgründigen Umformung des Messetextes in unverwechselbar romantische Chormusik aus unserem südlichen Nachbarland.

Jürg Jakob

[ März 2009 | Aus dem Textheft ]

Copyright © 2009 by Laudate-Chor Thun
Last modified 19.01.2009