Zum Requiem
Das Requiem ist eine Messefeier für Verstorbene. Das Wort bezeichnet sowohl die Begräbnismesse nach der katholischen Liturgie als auch kirchenmusikalische Kompositionen für das Totengedenken. Die Bezeichnung ist abgeleitet vom ersten Wort des Introitus Requiem – Ruhe.

In der Regel bestehen traditionelle Requiem-Vertonungen aus der folgenden Satzfolge: Requiem æternam dona eis Domine (Introitus), Kyrie, Dies iræ (Sequenz), Domine Jesu Christe (Offertorium), Sanctus und Benedictus, Agnus Dei, Lux æterna (Communio); in manchen Fällen kommen noch die Motette Pie Jesu sowie Gesänge aus den Exequien hinzu, die sich eigentlich an die Totenmesse anschliessen: Libera me Domine (Responsorium) und In paradisum (Hymnus).

Die Funktion der Requiemkompositionen hat sich im Laufe der Zeit verändert. Ursprünglich als musikalische Begleitung der Totenmesse oder Begräbnisfeier gedacht, beginnen sich im 19. Jahrhundert die zahlreichen Requiemvertonungen allmählich von kirchlichen Bindungen zu lösen und werden als Konzertmusik konzipiert.

Die Absichten, die mit der Feier der ursprünglichen Totenmesse oder mit der Begräbnisfeier verbunden sind, sind vielfältig: Man will der oder dem Verstorbenen noch einen Liebesdienst erweisen, den Leib mit Respekt vor den sterblichen Überresten zu Grabe tragen, ihr oder ihm ein ehrendes Andenken bewahren, bewusst Abschied nehmen, die Hinterbliebenen stützen und in der schwierigen Situation begleiten, Fürbitte tun und ein Opfer darbringen – das übrigens angesichts der drohenden Strafe im Fegefeuer und in der Hölle. Die Totenmesse hatte auch zum Ziel, den noch Lebenden die Sterblichkeit in Erinnerung zu rufen und an die Menschen zu appellieren, ein gottesfürchtiges Leben zu führen.

Die drastischen Darstellungen des Jüngsten Gerichts und die Angst und Schrecken einjagenden Bilder aus den alttestamentlichen Propheten, den Apokryphen und der neutestamentlichen Offenbarung sind von den Kirchen oft missbräuchlich verwendet worden. Ebenfalls zu den „letzten Dingen“ gehörende Bilder und Inhalte wie Gnade, Erlösung, Reich Gottes, wiederkehrender Bräutigam Christus wurden im Hintergrund behalten. Weil die katholische Kirche selber nicht mehr zu dieser Drohbotschaft stehen konnte, wurde das Dies iræ vom 2. Vatikanischen Konzil aus der Liturgie gestrichen.

Die Ausnützung der abhängigen Gläubigen (Ablasshandel) und das Vorenthalten der Bibel trotz der Erfindung des Buchdrucks und der damit möglichen Massenproduktion – aus Angst, die Gläubigen könnten „die ganze Wahrheit“ erfahren – waren wesentliche Gründe für die Reformation. Die Reformierten praktizierten die Totenmesse der inhaltlichen Einseitigkeit wegen nicht. Ein weiterer Umstand trug dazu bei, die Totenmesse nicht zu feiern: Im Requiem wird im Sinn der Fürbitte für den Verstorbenen gebetet, in der Hoffnung, ihm post mortem Gutes zu tun und ihn vor allzu langen Strafen (Fegefeuer) zu bewahren.

Der Reformator Luther äusserte sich zur damaligen Praxis so: “Singen auch kein Trauerlied noch Leidgesang bei unsern Toten und Gräbern, sondern tröstliche Lieder von der Vergebung der Sünden, von Ruhe, Schlaf, Leben, Auferstehung der verstorbenen Christen, damit unser Glaube gestärkt und die Leute zu rechter Andacht gereizt werden [...]“. (Weimarer Ausgabe 35, S. 478f. Zitiert bei Nohl, Paul-Gerhard, Bärenreiter 1996.)

Angesichts dieser Umstände stellt sich die Frage, warum das Requiem von vielen namhaften, auch protestantischen Komponisten vertont worden ist. Die Fragen rund um das Sterben und den Tod lassen uns nicht los, betreffen uns alle. Dieser Umstand und der Text des Requiems, welcher viele Ansätze zur musikalischen Umsetzung bietet, drängten viele Komponisten zum künstlerischen Durcharbeiten der Thematik. Es gibt eine Fülle hochwertiger Requiem-Kompositionen aus verschiedensten Epochen. Angesichts dieses musikalischen Schatzes und der thematischen Aktualität kommt kein Chor, der sich mit Oratorien befasst, darum herum, in sein Programm immer wieder Requiemvertonungen aufzunehmen – trotz der problematischen Wirkungsgeschichte.

[ November 2008 | Aus dem Textheft | Zu John Rutter | Zum Magnificat | Zu Karl Jenkins | Zum Requiem | Haiku ]

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Last modified 25.08.2008