Zum Magnificat
Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und sollst ihm den Namen Jesus geben (Lukas 1, 30-31).

Wenige Tage nachdem der Engel Gabriel Maria verkündet hat, dass sie den Sohn Gottes gebären wird, besucht sie ihre Verwandte Elisabeth. Bei der Begrüssung stimmt Maria einen Lobgesang an (Lukas 1, 46-55), der nach dem Anfangswort der lateinischen Fassung Magnificat („macht gross“) benannt ist. Das Magnificat ist Teil der Weihnachtsgeschichte. In diesem Zusammenhang wird Maria oft als die reine, holde, demütige, still besinnliche Magd geschildert. Unzählige kitschige oder stilisierte Mariendarstellungen helfen mit, das Bild einer blassen, zerbrechlichen, passiven, willenlosen Frau zu festigen. Anders im Magnificat. Hier äussert sich eine junge, starke Frau, die ihren Glauben an Gott umsetzt. Sein Handeln kann sie als logische Konsequenz der ihr bekannten alttestamentlichen Verheissungen einordnen. Ihren Emotionen gibt sie leidenschaftlich Ausdruck. Sie bekennt sich selbstbewusst zur Niedrigkeit ihres sozialen Standes, relativiert die Bedeutung ihrer Person und rückt Gottes Handeln an ihr und den Menschen, die ihn „fürchten“, ins Zentrum. Zugleich ist ihr Magnificat eine scharfe Warnung an die Mächtigen, Reichen und Hochmütigen. Maria spricht die Sprache der Armen und stellt eine Welt in Aussicht, in der durch Gottes Eingreifen Gerechtigkeit herrschen, das Böse zu Ende und das Gute vollkommen sein wird.

Maria hatte ein mutiges und entschlossenes Ja zu ihrer besonderen Aufgabe: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Damit war sie zu allen Zeiten Vorbild und Mutmacherin für viele Gläubige. In der katholischen Kirche hat sich daraus eine mehr oder weniger ausgeprägte Marienverehrung entwickelt. Der protestantischen Kirche ging das zu weit. Sie distanzierte sich vom Marienkult und insbesondere von der Idee, Maria als Miterlöserin und Gnadenvermittlerin anzuerkennen.

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Last modified 25.08.2008