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| Aus dem Textheft |
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Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher
Die Wahl der aufgeführten Werke ist in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich: Es ist nicht üblich, im gleichen Konzert inhaltlich so gegensätzliche Werke wie das Magnificat (Lobgesang der Maria) und das Requiem (Totenmesse) zu kombinieren, und es ist doch eher die Ausnahme, dass der LAUDATE-CHOR zu einem abendfüllenden Konzert mit Werken zeitgenössischer Komponisten einlädt. Dazu einige Erklärungen:
Nicht alle Werke der bekannten Komponisten sind inhaltlich, musikalisch oder von den notwendigen Mitteln in gleicher Weise zur Aufführung geeignet. Das führt dazu, dass häufig die gleichen Werke zu hören sind. Bei allem Respekt vor den grossen und bekannten Werken namhafter Komponisten und trotz dem Staunen, wie nachhaltig solche Werke wirken und über viele Generationen zu begeistern vermögen, meldet sich doch hie und da der Wunsch, sich mit weniger Bekanntem, Ungewohntem und Anderem auseinander zu setzen.
Wir glauben, in den beiden Werken das gefunden zu haben, was zwischendurch reizt, neue oder andere Fertigkeiten erfordert und aus dem Gewohnten herausreisst. Es wird auch für Sie Neues zu entdecken geben und Sie, so hoffen wir, berühren. Die Palette der verwendeten Ausdrucksmittel ist breit und reicht vom ungewöhnlich reichhaltigen Perkussionsinstrumentarium über die selten gehörte Shakuhachi-Flöte bis hin zu pointierten, pulsierenden Rhythmen, einprägsamen Riffs und jazzigen Harmonien, die so noch nie im Rahmen eines unserer Chorkonzerte zu hören waren. Lassen Sie sich mitreissen, tauchen Sie ein in teilweise ungewohnte Klangwelten – und lassen Sie das Vergleichen mit der einzigartigen, kürzlich interpretierten h-Moll-Messe von Bach oder mit Mendelssohns Elias.
Die aufgeführten Werke sind von praktisch gleichaltrigen Komponisten geschaffen worden. Diese leben und wirken in England und sind sehr erfolgreich. Die Werke von John Rutter und Karl Jenkins sind es wert, von einem aufgeschlossenen und kundigen Konzertpublikum entdeckt zu werden. Beide Komponisten bewegen sich auf unterschiedliche Art im Grenzbereich zwischen traditioneller klassischer Musik und Stilelementen des 20. Jahrhunderts wie dem Jazz, der Ethnomusik und dem Pop. Die Komponisten ergänzen die ursprünglichen alten Texte mit illustrierenden und bereichernden Zusätzen. Bei Rutter ist es das wunderliche mittelalterliche Gedicht Of a rose, dem er mit musikalischen Stilelementen der ursprünglichen Epoche sein besonderes Gepräge gibt. Jenkins webt mit ungewohnten musikalischen Mitteln alte japanische Haikus mit gleichnishaftem Inhalt in den bekannten Requiemtext ein. Die Werke befassen sich mit den Eckpunkten allen Lebens. Geburt und Tod stehen für Anfang und Ende, sind je ganz elementare Erfahrungen und mit eben solchen Emo-tionen verbunden. Sie sind letztlich unbegreiflich, rätselhaft, einmalig, schicksalhaft, grenzgängig.
Die beiden biblischen Testamente sind reich an Schilderungen, Hinweisen, Bildern, Deutungen und Belehrungen zu diesen Grenzerfahrungen. Das Magnificat ist ein Loblied der aufgewühlten, starken, mutigen, kämpferischen und Mutter werdenden Maria. Sie übt sich nicht in demütiger und verschämter Zurückhaltung, sondern dankt in einem überschäumenden Loblied dem Schöpfergott, der sie auserwählt hat, Jesus zu gebären, welcher dereinst Frieden, Gerechtigkeit und Erlösung aus der Knechtschaft bewirken soll. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und geisselt mit scharfen Worten die ihre Macht und ihren Reichtum missbrauchenden Mächtigen. Sie prangert die Masslosen und die das Recht Biegenden an und prophezeit ihnen ihr schreckliches Ende.
Das Requiem wird als Erinnerung an die Toten gelesen und gesungen. Die teils schauerlichen, Angst und Schrecken einjagenden Bilder sollen daran erinnern, dass der Tod und das Gericht Gottes unausweichlich sind. Die auf diese Weise mächtig auftrumpfende und sich damit selber ins Unrecht setzende Kirche konnte so lange Zeit Menschen in ihre Abhängigkeit zwingen und – unter anderem aus dem Handel mit Ablassbriefen – materiellen Profit schlagen, der umso grösser war, je umfangreicher die Verfehlungen waren. Befreiend kontrastiert dagegen die Botschaft des Jesus von Nazareth. Er ermutigt die Menschen, ein anständiges Leben in der persönlichen Verantwortung vor Gott und dem Nächsten zu führen und lebt es beispielhaft vor. Er macht Mut, die Kraft des Glaubens im Leben und im Sterben in Anspruch zu nehmen. Ist es die daraus entstehende Seelenruhe, die Gozan in seinem Haiku gleichnishaft schreiben lässt: Nachdem ich den Mond gesehen habe, nehme ich sogar mit Segen Abschied von diesem Leben (Jenkins Nummer 10)?
Wir wünschen Ihnen eine mitreissende und nachdenklich-berührende Begegnung mit Rutters Magnificat und Jenkins Requiem und hoffen, Sie im nächsten Jahr wieder zu unseren treuen Konzertbesucherinnen und Konzertbesuchern zählen zu dürfen, dannzumal mit Bachs Weihnachtsoratorium und vertrauteren Klängen.
Jürg Jakob |
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