Von den Geburtswehen des Elias – oder warum das Oratorium nicht Petrus heisst

„Mach mir in den nächsten Wochen einen Text zu einem biblischen Oratorium, das ich im Laufe des Sommers komponieren könnte. Ich sagte Dir schon damals 2 Stoffe, die mir gleich lieb waren, Petrus und Elias. Am liebsten wäre mirs, du nähmst Elias, teiltest die Geschichte in zwei oder drei Teile, und schriebst es hin mit Chören und Arien, die du entweder selbst zusammenstelltest, aber mit recht dicken, starken, vollen Chören […] ich glaube Elias und die Himmelfahrt am Ende wäre das schönste.“
Felix Mendelssohn an seinen in London arbeitenden Freund Karl Klingemann. Brief vom 18. Februar 1837 in Klingeman, Karl (jr.), Herausgeber: Felix Mendelssohn Bartholdys Briefwechsel mit Legionsrat Karl Klingemann in London, Essen 1909

Der grosse Erfolg des Paulus im Jahr 1836 ermutigt Felix Mendelssohn, ein zweites Oratorium zu planen. Er schreibt seinem Jugendfreund Karl Klingemann (siehe Zitat oben). Dieser reagiert positiv, aber ein Librettoentwurf bleibt aus. Mendelssohn hakt ein Jahr später nach und drängt ihn, vorwärts zu machen: „Jetzt im Augenblick sind die Singvereine gut und sehnen sich nach Neuem, da möchte ich denn ihnen etwas liefern, das mehr gefiele, als mein voriges Oratorium.“ Was Mendelssohn vorschwebt ist ein Oratorium, das sich an der Dramaturgie der Oper orientieren sollte. Für eine solche Umsetzung des Elias-Stoffes sieht er im umfassend gebildeten Klingemann den idealen Mitstreiter. Mit ihm hat Mendelssohn schon Jahre zuvor Opernpläne geschmiedet, die sich aber nie erfüllten. Als Ersatz sieht er nun die musikalische Umsetzung der Geschichten um den Propheten Elias: Fluch, Dürre, Regenwunder, Gotteserscheinung und eine effektvolle Himmelfahrt inspirieren Mendelssohn und motivieren ihn, ein neues Oratorium anzupacken.

Als die Hoffnungen für eine Zusammenarbeit mit Klingemann schwinden, wendet sich Mendelssohn an Julius Schubring, Pfarrer in Dessau und Librettist des Paulus. Er weiss, dass Schubring nichts übrig hat für die geplanten dramatisch-opernhaften Elemente in einem Oratorium und erzählt ihm nichts vom Elias-Projekt. Vielmehr erkundigt sich Mendelssohn bei ihm, ob er sich eine dramaturgische Umsetzung des Petrus-Stoffs vorstellen könnte. Es ist ihm klar, dass in einem Petrus-Oratorium dem Theologischen auf Kosten des Dramatischen mehr Platz einzuräumen wäre. Schubring reagiert positiv auf das Ansinnen Mendelssohns. Im Grunde aber wünscht sich Mendelssohn alles andere als eine Wiederholung des Paulus. Als sich Mendelssohn 1837 in London aufhält, trifft er seinen dort wohnenden Freund Klingemann. Zusammen skizzieren sie das Szenarium für ein Elias-Oratorium und Klingemann, begeistert durch die nur kurz währende Zusammenarbeit, verspricht Mendelssohn, die dichterische Arbeit zu leisten und passende Bibeltexte einzuflechten. Und wieder hört Mendelssohn nichts aus London. Im Mai 1838 fordert Mendelssohn den Szenariumsentwurf zurück und schickt ihn Julius Schubring.

Mendelssohn setzt in diesen Entwurf grosse Hoffnungen. Bereits liegt der Text bis zum Regenwunder, in Episoden gegliedert, vor. Von Schubring erwartet er nichts weiter, als dass dieser das Handlungsgerüst mit geeigneten Bibelstellen auffülle. Schubring ist mit Klingemanns Szenario nicht einverstanden: "... es ist eigentlich doch so geworden, wovor ich mich hüten wollte und wovon ich Dir schrieb, dass die Sache zu objektiv wird – ein interessantes, auch ergreifendes Bild, aber wenig erquicklich für das Herz des Zuhörers. Alle Verwünschungen – die Opferszenen und der Regen – vorher Jesabel usw., alles ist nicht so, dass es uns heutzutage von Herzen kommen könnte, daher so, dass es auch nicht zu Herzen geht." Es folgt ein intensiver Briefwechsel zwischen Mendelssohn und Schubring. Schubring ist darauf fixiert, an einem Oratorium mit allgemeinen, religiös erbauenden Inhalten mitzuwirken, in dem Elias vor allem als Vorläufer des Messias dargestellt werden sollte. Aber das ist weit entfernt von Mendelssohns Intentionen. Als Schubring auch noch die Absicht äussert, eine Verklärungsszene des Elias einzubauen, in der Christus selbst auftritt, sieht Mendelssohn keine Möglichkeit sinnvoller Zusammenarbeit mehr und gibt das Projekt auf.

Sechs Jahre später, im Herbst 1845, erhält Mendelssohn die Einladung, im August des nächsten Jahres auf dem Musikfest in Birmingham ein neues Oratorium aufzuführen. Das Thema wird wieder aktuell, die Zeit ist knapp. Erneut wendet er sich an Schubring. Das Arbeitsverhältnis zwischen beiden bleibt wegen der grundsätzlichen konzeptionellen Unvereinbarkeit und wegen des zeitlichen Drucks sehr gespannt. Stur hält Schubring an einer neutestamentlich-christologischen Deutung der Elias-Figur fest. Mendelssohn dagegen will die alttestamentliche Darstellung strikte bewahren. Anders als Schubring sieht er in Elias nicht den Vorläufer des Christus. Geradezu bestürzt muss Schubring im Mai 1846 zur Kenntnis nehmen, dass Mendelssohn gravierende Streichungen und änderungen in seiner Textvorlage vorgenommen hat. Ein geordnetes Zuendebringen des grossen Projekts ist unter diesen Umständen und unter dem enormen zeitlichen Druck nicht möglich. Noch während Mendelssohn die letzten Teile komponiert und um geeignete Textgrundlagen für den Schluss ringt, muss er die übersetzung in die englische Sprache veranlassen und wacht sorgfältig darüber, dass sich die übersetzung eng an die deutsche Vorlage hält.

Wem letztendlich die Hauptverantwortung für die definitive Textgrundlage zuzuweisen ist, bleibt offen. Für die Gesamtkonzeption des Elias war Schubrings Beitrag eher unbedeutend. Der erste Teil beruht weitgehend auf dem Szenario, wie es von Klingemann und Mendelssohn gemeinsam erarbeitet worden ist. Den zweiten Teil hat sich Mendelssohn selber zusammengestellt und dabei Schubrings Arbeit nach seinem eigenen Gutdünken berücksichtigt.

Am 11. August 1846 ist die Komposition abgeschlossen. Eine Woche später trifft Mendelssohn in London ein. Sofort beginnt er mit den Solisten zu proben, zwei Tage später mit dem Orchester. Die Zahl der Mitwirkenden ist überliefert: Der Chor besteht aus 271 Sängerinnen und Sängern, wovon 79 Sopranistinnen, 60 Countertenören, welche die Altstimme singen, 60 Tenören und 72 Bässen. Nach zwei Gesamtproben findet am 26. August 1846 mittags um 11.30 Uhr in der überfüllten Town Hall in Birmingham die Uraufführung des Elias unter der Leitung des Komponisten statt. 2000 Zuhörerinnen und Zuhörer werden gepackt von Text und Musik. Mendelssohn schreibt seinem Bruder: „Noch niemals ist ein Stück von mir bei der ersten Aufführung so vortrefflich gegangen und von den Musikern und den Zuhörern so begeistert aufgenommen worden, wie dieses Oratorium […]. Die ganze dritthalb Stunden, die es dauerte, war der grosse Saal mit seinen 2000 Menschen und das grosse Orchester alles so vollkommen auf den einen Punkt, um den sich’s handelte, gespannt, dass von den Zuhörern nicht das leiseste Geräusch zu hören war […]. Nicht weniger als vier Chöre und vier Arien mussten wiederholt werden.“

Trotz des sensationellen Erfolgs bei der Uraufführung überarbeitet Mendelssohn das Oratorium. In seiner endgültigen Form kommt es am 16. April 1847 unter der Leitung des Komponisten in London zur ersten Aufführung. Es folgen fünf weitere Aufführungen in England, bevor Mendelssohn, in besorgniserregend schwachem Zustand und von seinem Freund Klingemann begleitet, im Mai die Heimreise antritt. Zuhause erfährt er vom Tod seiner Schwester Fanny, zu der er zeitlebens eine sehr enge Beziehung pflegte, und bricht zusammen. Sechs Monate später stirbt Felix Mendelssohn.

[ November 2007 | Aus dem Textheft | Zu Felix Mendelssohn | Von den Geburtswehen des Elias ]

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Last modified 24.08.2007