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| Aus dem Textheft |
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Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher
Geben Sie sich ganz dem in Musik und Text dramatisierten Geschehen hin, tauchen Sie ein in die emotionalen Wechselbäder von Irritation und Empörung, Mitgefühl und Konsternation.
Im Zentrum des Geschehens und als verbindende Figur verschiedener Szenen und Geschichten begegnet Ihnen mit Elias eine zwiespältige Person, die im Alten Testament eine nicht annährend so differenzierte Darstellung findet wie in Mendelssohns abendfüllendem Oratorium.
Während der Bericht aus dem Alten Testament die Lage Israels und das Handeln des Propheten aufs Wesentliche reduziert, gibt sich Mendelssohn emotional ganz in die Geschichte ein und beschreibt mit seinen reichen schöpferischen Mitteln eine facettenreiche Persönlichkeit. Der Komponist, Librettist und Dramaturg in Personalunion nimmt Ausführende und Zuhörende mitten hinein in die cholerischen Wut- und unkontrollierten Gewaltausbrüche eines zeitweise mit übermenschlichen Kräften begabten Helden, der nach dem Herbeizwingen von elementaren Kräften und der Vernichtung der Priester Baals in tiefste Depressionen fällt. Lebensüberdrüssig, nichts anderes mehr fühlend als Schwachheit, Nutzlosigkeit und Versagen, wird aus dem eindrücklichen Sieger ein von Todesgedanken heimgesuchter Verlierer. Am Ende seines bewegten Lebens fährt er – nach einer aussergewöhnlichen Gottesbegegnung – in einem Wagen, von feurigen Rossen gezogen, auf in den Himmel.
Mendelssohn beschreibt im Elias das Leiden und den Aufstand des Volkes Israel. Im Laufe des Werks vollzieht sich eine kontinuierliche emotionale Metamorphose: Lethargie, Bedrückung und Hoffnungslosigkeit weichen neuer Kraft und steigern sich zu Aufschrei, Widerstand und Gewalt. Lähmendem folgt Beglückendes, der Tod macht neu erwachtem Leben Platz, Dürre wird verwandelt in Frucht, auf Dunkel folgt Licht.
Zwischen dem temporeichen und stark akzentuierten Drama lässt er den Interpretierenden und Zuhörenden Zeit zum Durchatmen, indem er „Fenster“ öffnet und den Blick frei gibt auf einen dem Volk Israel gnädig gesinnten, barmherzigen und geduldigen Gott, der letztendlich alles zum Guten führt.
Was Mendelssohn vor 160 Jahren für uns emotional erschloss und musikdramatisch umsetzte, erinnert an Situationen, Konstellationen und Entwicklungen, wie sie sich in der modernen Welt abspielen. Geändert haben sich (teilweise) die Namen der Akteure, die konkreten Themen und betroffenen Völker. Unvermindert ist es das dringende Hoffen und Wünschen vieler, dass sich gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Gerechtigkeit ereigne, dass Politik, Wissenschaft, Technik und Medizin es richten sollen: Frieden, genug für alle, die überwindung von Krankheit und Tod – letztendlich der Wunsch, unversehrt und ewig zu leben.
Mit dieser Vision, umgesetzt in den vier letzten Nummern, endet das gewaltige Oratorium. Die Herrlichkeit wird zur Realität für die Gerechten, die zu solchen werden durch den Glauben an Gott. Die am Desaster der Welt Schuldigen sollen zur Rechenschaft gezogen und gerichtet werden.
Wir wünschen Ihnen eine tief greifende Auseinandersetzung mit Inhalten des Alten Testaments und ein starkes emotionales Erlebnis mit Mendelssohns Elias.
Jürg Jakob |
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