| Zur Entstehung der Messe in h-Moll |
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Johann Sebastian Bachs einzige
vollständige Vertonung des Messeordinariums hat eine lange und
facettenreiche Geschichte. Die Musik ist über einen Zeitraum von
25 Jahren entstanden und von stilistischer Vielfalt geprägt. Bach
hat in seinen letzten Lebensjahren bedeutsame und bereits in anderem
Zusammenhang verwendete Kompositionen zur h-Moll-Messe zusammengefasst
und Fehlendes neu komponiert. Die älteste verwendete Komposition
entstand 1724. An Weihnachten führte Bach das prächtig
besetzte sechsstimmige Sanctus mit Chor, Trompeten, Pauken, Oboen und
Streichern auf. Das Kyrie und Gloria reichte er 1733 zur
Unterstützung seines Gesuchs um die Verleihung des Titels eines
„Hofcompositeurs“ dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August
II. ein (den Titel erhielt er, nach einem neuerlichen Gesuch, erst drei
Jahre später). Die übrigen Teile, also das Credo und die
beiden zum Sanctus gehörenden Benedictus und Agnus Dei,
ergänzte Bach in den Jahren 1746 und 1749. Das Credo besteht aus
Neukompositionen und überarbeiteten Chorsätzen, mit dem
Fachausdruck „Parodien“ genannt. Für mindestens 7 der insgesamt 25
Sätze hat Bach auf zuvor komponierte Kantatensätze
zurückgegriffen und sie in die h-Moll-Messe „eingepasst“. So ist
beispielsweise das Gratias agimus tibi (und der letzte Chor, das Dona
nobis pacem) eine Parodie des Chors Wir danken dir, Gott aus der
Bachkantate 29, und für das Crucifixus diente ihm der Eingangschor
der Kantate 12 Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen als Vorlage. Wichtiger als
die Originalität der Musik war zu Bachs Zeiten die hohe
Übereinstimmung von Text und Musik. Um diese zu erreichen,
schreckten die Komponisten nicht davor zurück, auf bereits
früher komponierte, sehr gelungene Kompositionen zurück zu
greifen, ganz gleich, ob sie in weltlichen oder geistlichen Werken zur
Anwendung gelangt waren.
Was könnten die Gründe dafür gewesen sein, dass Bach als
überragender protestantischer Kirchenmusiker eine lateinische
Messe komponiert hat? Zunächst ist festzuhalten, dass lateinische
Kurzmessen, bestehend aus Kyrie und Gloria, an Festtagen im
lutheranischen Gottesdienst ihren festen Platz hatten. Bach hat zu
diesem Zweck bereits zwischen 1735 und 1742 vier „lutherische“ Messen
komponiert und damit gezeigt, dass er keine Berührungsängste
zum katholischen Messetext kannte. Ein weiterer Grund mochte sein, dass
Bach im fortgeschrittenen Alter sozusagen sein künstlerisches
Testament bereit stellen wollte, das neben der h-Moll-Messe die beiden
ebenfalls komplexen Spätwerke, die „Kunst der Fuge“ und das
„Musikalische Opfer“ umfasste. Vielleicht, und das wäre ein
dritter Grund, wollte Bach – anders als die über 240 mit deutschem
Text unterlegten Bachkantaten – ganz einfach eine zeitlose Messe
schaffen. Dass er dabei als Grundlage auf den universellen lateinischen
Messetext zurückgriff, ist einleuchtend. Bach hat mit der
h-Moll-Messe eine Musik geschaffen, die bis heute nicht veraltet ist.
Mit ihrem universellen Charakter weist sie weit über den sonst bei
Bachs geistlicher Musik üblichen gottesdienstlichen Gebrauch
hinaus. Sie ist ein Bekenntnis eines Berufenen und Begnadeten, wonach
sich die christliche Kirche, ganz gleich ob katholisch oder
protestantisch, auf die gleiche Dreieinigkeit von Gott Vater, Gott Sohn
und Heiliger Geist abstützt.
Einen konkreten Anlass für die Schaffung der h-Moll-Messe gab es
nicht. Es ist auch nicht nachgewiesen, dass eine vollständige
Aufführung der h-Moll-Messe zu Bachs Lebzeiten geplant war oder
erfolgt ist. Die h-Moll-Messe war Bachs letzte grosse vollendete
Komposition. Sie stellt trotz der langen Entstehungszeit und der
Verwendung einer nicht unbedeutenden Zahl von Parodien aus
früheren Zeiten ein in sich geschlossenes, gewaltiges,
singuläres Kunstwerk dar.
Quellen:
Walter Blankenburg: Einführung in Bachs h-Moll-Messe,
Bärenreiter, 5. Auflage 1996;
magazin.klassik.com/meisterwerke: Hohe Messe in h-Moll von Johann
Sebastian Bach;
www.kantorei.de: Günter Brick, Die h-Moll-Messe von J.S. Bach.
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