Aus dem Textheft
Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher

Sie machen es mit dem Besuch unseres aktuellsten Konzerts möglich, dass der Chor – zusammen mit bekannten Gesangssolistinnen und -solisten und einem renommierten Barockorchester – ein weiteres Mal einem bedeutenden geistlichen Kunstwerk Gestalt geben darf. Dafür danken wir Ihnen herzlich. Mit den Konzertaufführungen gehen für den Chor eine intensive Vorbereitungszeit und sowohl eine beharrliche wie auch minutiöse Auseinandersetzung mit Bachs h-Moll-Messe zu Ende. Das umfangreiche Kunstwerk verlangt den Interpretierenden alles an geistiger Wachheit, Flexibilität, Gestaltungsfreude und Ausdauer ab. Wer als Chorsängerin oder Chorsänger zum erstmaligen Erarbeiten dieses ausserordentlichen Werks Ja sagt, begibt sich auf eine Kräfte zehrende emotionale Berg- und Talfahrt. Zeiten der Selbstzweifel und des Verzagens wechseln mit suggestiver Aufmunterung, dass es andere auch geschafft haben, die 16 vier- bis achtstimmigen Chöre mit gegen 1400 Takten zu lernen. Die h-Moll-Messe wurde erst rund 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung im 19. Jahrhundert uraufgeführt und – in der der Romantik eigenen Übertreibung – als das „grösste musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ bezeichnet (so der Schweizer Verleger der h-Moll-Messe, Hans-Georg Nägeli, 1817). Wir gehen nicht ganz so weit. Aber es ist bekannt, dass viele Chöre ihre liebe Mühe mit diesem Werk hatten. So hat Carl Friedrich Zelter mit der Berliner Singakademie zwischen dem Herbst 1811 und 1812 die h-Moll-Messe während eines ganzen Jahres geprobt, sie aber dann nicht öffentlich aufgeführt, weil ihm das Werk zu schwierig schien. Erst 1835 erklang unter Zelters Nachfolger, Carl Friedrich Rungenhagen, ein erstes Mal die ganze h-Moll-Messe. Zuvor musste der Dirigent gegen erheblichen Widerstand im Chor ankämpfen. Viele Sängerinnen und Sänger wollten dieses „schwierigste aller bekannten Werke“ nicht lernen, obschon er ausgewählte Partien zur Entlastung des Chores den Solistinnen und Solisten überliess. Zur Aufführung trat der Chor mit 160 Sängerinnen und Sängern an. In der einige Jahre zuvor aufgeführten Matthäuspassion war der Chor noch doppelt so gross.

Nun sind wir als LAUDATE-CHOR am Ziel und wünschen, dass es uns gelingt, Sie mit hinein nehmen zu können in die einzigartige Interpretation des hundertfach vertonten Messetextes. Bachs h-Moll-Messe hat sich herausgeformt aus der Verbindung von unerreichter barocker Kompositionskunst mit einer theologisch fundierten, lebenslang erprobten und reflektierten Glaubenshaltung. Wir hoffen, dass wir Ihnen einen Zugang zum unergründlichen Reichtum seiner Melodie-, Harmonie- und Formensprache ermöglichen können, so dass Sie von dieser Musik ebenso berührt werden, wie wir immer wieder berührt worden sind. Wir hoffen, dass die Chöre, Duette und Arien zu Gefässen werden, in denen die uns Menschen eigenen widersprüchlichen Gefühle Aufnahme und Raum finden – dem Geist und der Seele zum Wohl.

Jürg Jakob

[ November 2006 | Aus dem Textheft | Zur Entstehung der Messe in h-Moll ]

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Last modified 17.08.2006