Aus dem Textheft Teil 2

Es gibt keine dringlichere Bitte

"Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!" So soll, nach dem biblischen Psalm 51, König David gebetet haben. Er weiss wohl, worum er bittet: um die Hauptsache, um Gottes Geist.

In seinen jungen Jahren, als er an König Sauls bescheidenem Hof Harfenspieler und Waffenträger war, musste er mit Entsetzen beobachten, wie rasch ein Mensch verkommt, wenn "der Geist des Herrn von ihm gewichen" ist und ein "böser Geist" sich seiner bemächtigt. Schwermut und Verzweiflung stellen sich dann ein; Verfolgungswahn kommt auf und mündet in Ausbrüchen ohnmächtiger, selbstzerstörerischer Wut. Ueber kurz oder lang ist der Bedauernswerte, von Gottes Geist Verlassene völlig zerrüttet.

Die Absenz von Gottes Geist sollte aber auch David selber zum Verhängnis werden. Auf der Höhe seiner Macht, im Zenit seines Erfolgs und Ruhms, lässt er sich hinreissen zum Ehebruch mit Bathseba und zum Schreibtischmord an deren Mann Uria. Nach dieser doppelten Untat stellt der Prophet Nathan ihn zur Rede, deckt ihm die Abscheulichkeit seines Verbrechens auf und überbringt ihm im Auftrag dessen, der auch ins Verborgenste sieht, das Urteil: Das im Ehebruch gezeugte Kind wird sterben. In Scham und Schande gesunken, zum Büsser geworden, betet der König um Vergebung, um ein neues reines Herz und eben darum, dass das Wichtigste ihm hinfort nicht mehr fehle: "Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!"

Gott könnte wohl. Er könnte uns seinen Geist vorenthalten oder entziehen, um uns zu überlassen den Geistern, die wir gerufen und dem seinigen vorgezogen haben; um uns zu überlassen den Ausgeburten unseres eigenen Geistes; um uns zu überlassen den Horrorvisionen, den düsteren Weissagungen der Unheilspropheten, die aller Welt ein Ende mit Schrecken in Aussicht stellen. Gott verfügt frei über seinen Geist. Er lässt ihn wehen, wo er will. Dass es Pfingsten geworden ist; dass Gott seinen Geist ausgegossen hat "über alles Fleisch"; dass in seinem Geist Gott selber uns erfüllen und bewegen will, ist reines Geschenk, unverdiente Gabe, pure Gnade seinerseits.

Die aber lässt sich nicht erringen noch erzwingen, sondern nur erbitten. Gottes Geist hat man nicht; man bekommt ihn. Nicht auf herrische Bestellung, sondern auf demütige Bitte hin. Dem flehentlichen Bitten aber öffnet Gott sein Ohr und Herz, am allerwilligsten demjenigen um seinen Geist.

Quäle dich darum nicht mit der Frage: Habe ich den Heiligen Geist empfangen? sondern frage dich bloss: Habe ich um ihn je gebeten? Und dann mache die Probe aufs Exempel; halte dir vor Augen, wie oft schon und wie nachhaltig er in dir zur Wirkung gekommen ist!

Als du nach peinlichem Streiten und Straucheln, nach schwerem Fehlen, Fallen und Fliehen der Vergebung Gottes gewiss und froh wurdest, da hat der Heilige Geist sich an dir als Tröster erwiesen. Als du nach verstocktem Schweigen wieder reden konntest, nach bösem Fluchen wieder beten, nach bitterem Hadern wieder danken lerntest, da hat Gottes Geist dich berührt und verwandelt. Wo immer es dir gelungen ist, einer lockenden Versuchung zu widerstehen, einen steilen Sturz zu vermeiden, eine Gemeinheit zu unterlassen; wo immer du deinen alten Adam bezwungen, mit einer üblen Gewohnheit gebrochen, ein böses Wort verschluckt oder dich versöhnt hast mit einem Menschen, dem du gram warst, da überall ist der Heilige Geist deiner Schwachheit zur Hilfe gekommen und dir beigestanden als Ueberwinder. Wo immer du Lasten abzunehmen, Tränen zu trocknen, Gebrechliches zu stützen, Krankes zu heilen oder Schmerz zu lindern vermagst, da ist der Heilige Geist in dir wirksam als Gottes Kraft, die dem Leben dient und dem Tode wehrt.

Weil an Gottes Geist alles gelegen, weil er die Hauptsache ist, darum gibt es im Blick auf mein eigenes Leben, im Blick auf die christliche Gemeinde und im Blick auf die ganze ver-rückte Welt keine dringlichere Bitte als diejenige des gefallenen und wieder aufgerichteten jüdischen Königs: "Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!"

Martin Hubacher

ehem. Pfarrer am Berner Münster


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Last modified 17.02.2005