"Ich
hatte viel Bekümmernis ...; Seufzer, Tränen, Kummer, Not, ängstliches
Sehnen, Furcht und Tod..."
Liebe Zuhörerin,
lieber Zuhörer, der erste Teil des vom LAUDATE-CHOR vorbereiteten
Programms lässt fast nichts aus an Depression, Angst, Wut und Gefühlen
der Gottverlassenheit. Die Darstellung erfolgt mit drastischen Worten aus
verschiedenen Psalmen – "... und bist mir grausam worden ..." oder
"...du
(Gott) hassest mich ..." - und dramatischen Bildern – der Klagende,
den Wellen ausgesetzt mit lädiertem Mast und Anker, die jeden Moment
brechen können, die Tiefe des Meeres, die ihn zu verschlingen droht
plastisch vor Augen, halb wahnsinnig vor Angst die Hölle sehend.
Ist es überhaupt
noch zeitgemäss, sich textlich und musikalisch mit so schwerwiegenden
Gedanken auseinander zu setzen? Soll Singen nicht viel mehr Lobpreis und
Anbetung sein und ein Ausdruck der Dankbarkeit und Harmonie gegenüber
und mit dem Schöpfergott?
Wer in seinem Leben
in einer Phase eines Hochs ist, wer weit und breit keine Wolken und keinen
Nebel auf seiner Seelenklimakarte ausmachen kann, der soll jauchzen, loben,
danken. Die individuelle und die kollektive Realität sieht aber oft
ganz anders aus. Unfassbares geschieht, Unbegreifliches muss hingenommen
werden. Lebenspläne werden ohne eigenes Verschulden abrupt zunichte
gemacht. Warum? Warum gerade ich? Wer steht hinter den Schicksalsschlägen?
Gibt es eine Gerechtigkeit? Wo ist Gott? Wo sind die helfenden und heilenden
Hände Jesu?
Ist es erlaubt, Gott
anzuklagen, ihm seine Abwesenheit vorzuwerfen in Situationen, in denen
man ihn besonders gebraucht hätte? Ist es erlaubt, mit ihm zu kämpfen?
- Entschieden ja!
Es ist mehr als fraglich,
ob Gott interessiert ist am weit verbreiteten harmlosen geistlichen Small–Talk
und an den häufig oberflächlichen Lobpreisen, die nicht selten
vordergründig zum Ziel haben, einen seelischen Rauschzustand herbeizuführen.
Gott stellt sich uns in der Bibel des Alten und Neuen Testaments als souverän
dar. Das heisst, dass ihn unsere Zweifel und Anwürfe nicht aus der
Bahn werfen. Das heisst auch, dass es nicht unser Bestreben sein muss,
Gott bei Laune zu halten. Nein, er ist da für die Zerschlagenen, Mutlosen,
Zweifelnden, Aufbegehrenden, wenn’s sein muss auch als Prellbock - er wird
sich nicht beleidigt abwenden!
Das ist nicht Spekulation,
sondern durch die Menschwerdung in Jesus Christus überprüfbare
Realität geworden. Dieser Jesus hat sich während seines ganzen
Wirkens um Menschen gekümmert, die mutlos, zerschlagen, ausgestossen
und an Leib und Seele krank waren. Er hat sich um Menschen gesorgt, mit
ihnen gelitten. Nicht aus himmlischer Distanz, sondern am eigenen Leib
hat er alle nur erdenklichen Qualen durchlitten und selber das schreckliche
Gefühl der Gottverlassenheit öffentlich herausgeschrien: "Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Es ist besser, mit
Gott die Auseinandersetzung zu führen als ihn zur sensiblen, empfindlichen
Vaterfigur zu erniedrigen, die vermeintlich nichts auszuhalten im Stande
ist und sich beleidigt ins Unsichtbare zurückzieht. Prüfen Sie
die bedingungslose, konstante und ewig verlässliche Liebe Gottes selber!
In diesem Sinn wünschen wir Ihnen eine intensive Auseinandersetzung
mit unserem ersten Programmteil.
Bitte lassen Sie sich
nicht ablenken durch die hie und da etwas unzeitgemässe Ausdrucksweise
der Textdichter. Es tut den Inhalten keinen Abbruch. Im Gegenteil. Es ist
genau diese widerständige Sprache, die unser modernes Sprachverarbeitungstempo
überfordert und uns zur langsamen und manchmal mühevollen Übersetzung
in unser Begriffsrepertoire zwingt. Uns zum Glück!
Im zweiten Teil erklingt
die einzigartige c-Moll-Messe. Der berühmte Musikwissenschaftler A.
Einstein sagt dazu: "Das einzige Werk, das in der Mitte zwischen der h-Moll-Messe
Bachs und der Missa solemnis Beethovens steht." Wer diese Messe ins Programm
aufnimmt, steht vor der Schwierigkeit, wie ein unvollendetes Werk aufgeführt
werden soll. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann das Werk
als Torso aufführen, d.h. sich ausschliesslich auf die Teile konzentrieren,
von denen vollständiges Notenmaterial von Mozart vorliegt. Es ist
auch praktikabel, die fehlenden Messeteile durch solche zu ersetzen, die
Mozart bei anderer Gelegenheit komponiert hat. Wir haben uns dazu entschlossen,
all jene Messeteile aufzuführen, die entweder vollständig überliefert
sind oder zu denen genügend Grundlagenmaterial (im Credo in unum
Deum z.B. die mittleren Streicher- und die Bläserstimmen, im Et
incarnatus est Solostimme und die drei obligaten Holzbläser) vorliegt,
so dass Mozartspezialisten die fehlenden Stimmen stilecht mozartisch zu
rekonstruieren in der Lage sind. Somit werden einige Teile des Credo und
das Agnus Dei nicht zu hören sein, was dem wunderbaren Werk, das unter
besonderen Umständen entstand (s. "Zu Mozarts
Grosser Messe in c-Moll") keinen Abbruch tut.
Der LAUDATE-CHOR wünscht
Ihnen ein ergreifendes Konzerterlebnis!