© Der Bund; 12.11.2007; Seite 29Kultur
Der Bund
Elias mit gestutztem Bart
Der Laudate-Chor Thun entstaubt Mendelssohns «Elias» und macht daraus ein temporeiches Bibeldrama, das ohne Pathos berührt
Am Anfang war der Fluch. Marc-Olivier Oetterli lässt Elias’ Verwünschung ganz natürlich in die Französische Kirche hallen. Im ersten Moment ist man irritiert und fragt sich, ob der Sänger sich wohl bewusst gewesen ist, was er da gerade gesungen hat. Bestimmt, aber er hat es sich nicht anmerken lassen und damit eine Geschichte ausgelöst, ohne schon gleich das Ende zu verraten.
Wenn schon der Baal-Tempel eingerissen wird, dann soll man auch die Musik nicht auf den Sockel heben, könnte die Devise gelautet haben, mit der der Laudate-Chor Thun und sein Dirigent Jürg Jakob sich Felix Mendelssohns Oratoriums angenommen haben. Kein Monumentalwerk also: Das mit bewährten Berner Berufsmusikern besetzte Orchester liess sich auf diese dramatische Sichtweise ein und quittierte dies zunächst einmal mit einem verhaltenen, klanglich fein abgestimmten Murren. Daraus entwickelte sich ein ausufernder Gefühlsausbruch. Bevor das Ganze dann doch noch in eine Fuge mündete, die zeigte, inwiefern Mendelssohn seinen Bach kannte und wie er ihn wohl auch selber spielte, zeigten die Streicher prächtig funkelndes Farbenspiel, das von Bläserinterventionen um weitere Dimensionen erweitert wurde.
Zusammen mit seinem beherzt führenden Konzertmeister Misa Stefanovic bestärkte das Orchester Chor und Dirigent in diesem Interpretationsansatz und führte ihn konsequent und inspiriert weiter, wo die musikalische Leitung Freiräume offen liess. Diverse wunderschöne Bläsersoli und Streicherfarben zeugten vom kooperativen und selbstverantwortlichen Geist des Orchesters. Eine wahrhaft professionelle Leistung!
Glaubhaftes Charisma
Gestisch animiertes Gestalten mit einem Mindestmass an Pathos hatten sich auch die Sängerinnen und Sänger des Laudate-Chors vorgenommen. Klare Artikulationen, hohe Präsenz aller Sängerinnen und Sänger sowie gut ausbalancierte Register ermöglichten eine überaus flexible, spannende Interpretation. Diese quicklebendige Musik sprechen zu lassen, sich ihr auszusetzen, fordert allen Mitwirkenden ungleich mehr ab, als wenn man sie einfach in sich ruhen lässt. Allerdings zeigt sie auch das Potenzial dieser Komposition über die eigenen Ressourcen hinaus auf und macht Lust auf mehr. Einen grösseren Dienst könnte man dem Werk wohl kaum erweisen, selbst wenn dies da und dort vielleicht die eigenen Kräfte übersteigt. Derlei zu bekritteln wäre aber angesichts des atmosphärisch dichten Ergebnisses falsch.
Wesentlichen Anteil am Gelingen des Konzerts hatte auch das exzellente Vokalsolistenquartett, das den entdeckenden Interpretationsansatz nicht nur mittrug, sondern auch massgeblich prägte. Der Bassist Marc-Olivier Oetterli verlieh seinem Elias auch ohne gravitätisches Gehabe glaubhaftes Charisma. Ein umso glaubhafteres vielleicht, weil er dem Propheten menschliche, auch nahbare Züge verlieh – Elias ohne biblischen Rauschebart gewissermassen. Die Sopranistin Barbara Locher verkörperte auf ergreifende Weise die Witwe, die um ihren Sohn trauert. Eine innige, mit leiser Dramatik und fundamentalem Zweifel gestaltete Szene, die die Berechtigung Gottes angesichts des Übels nochmals neu stellt. Erst auf dieser Basis wirkte dann auch die mit leisem Optimismus gesungene Arie «Höre Israel» glaubhaft. Die Altistin Liliane Zürcher beeindruckte einerseits mit rhetorisch geschickt gestalteten Rezitativen, andererseits aber auch mit ihrem eindrücklichen Rollenporträt der Königin. Der Tenor Jan-Martin Mächler wagte es in seiner Arie «So ihr mich von ganzem Herzen suchet» auch mal, Töne fast ohne Vibrato zu singen – eine Risikobereitschaft, die als Sinnbild für die ganze Interpretation stehen könnte.
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