© Der Bund; 20.11.2006; Seite 29

Kultur

Der Bund

Griff nach den Sternen

Der Laudate-Chor Thun wagte sich erfolgreich an Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll

Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll entstand nicht in einem einzigen kreativen Schwung – das 25-teilige Werk beschäftigte seinen Autor rund ein Vierteljahrhundert lang. Und trotzdem: Die fünfundzwanzig Sätze bilden, so wie wir die Schöpfung heutzutage verstehen, eine grandiose, eine erschütternde Einheit und darüber hinaus ein überzeitlich wirksames Zeugnis christlicher –und das heisst hier sowohl protestantischer als auch katholischer – Kirchenmusik.

Wenn sich ein Laienchor an die h-Moll-Messe wagt, wissen alle Beteiligten, dass sie sich vokal, musikalisch und geistig einer ausserordentlich belastenden Mutprobe aussetzen. Vor allem die sechzehn Chöre – bald vierstimmig, bald fünfstimmig, bald sechsstimmig und bald achtstimmig gesetzt, verlangen ein Höchstmass an Können, an Konzentration und an Ausdrucksintensität, führen sie doch in einem weiten Bogen von der Erbarmungsklage über den ergreifenden Credo-Teil bis zu den Jubelklängen des Siegs des Lebens über den Tod. Jede Singggemeinschaft muss sich deshalb bewusst sein, dass eine Auseinandersetzung mit Bachs h-Moll-Messe einem Griff nach den Sternen gleichkommt und dass bei der Aufführung mannigfaltige Absturzgefahren drohen.

Chor auf Höhenflug
Der bereits dreizehnjährige Laudate-Chor Thun ist das Risiko eingegangen und hat es in bemerkenswert souveräner Art bestanden. Noch gab es ab und zu kleine Unklarheiten (besonders in den Tempoangleichungen der verschiedenen Chorregister), noch zeigten sich ab und zu bei schwierigen Stellen spürbare Ängstlichkeiten, noch fehlte bei einigen Strahlechören die letzte, glanzvolle Überzeugungskraft. Aber, gesamthaft gesehen, kam die Laudate-Interpretation doch erstaunlich und erfreulich nahe an die musikalisch-künstlerisch-religiöse Botschaft von Bachs Partitur heran.

Gereifter Dirigent
Entscheidendes trug der Dirigent Jürg Jakob zur bemerkenswerten Gesamtwirkung bei: Er leitete die vokalen und instrumentalen Helferscharen mit ruhiger, besonnener und von seelischer Mitarbeit geprägter Kompetenz und liess es weder an Verinnerlichung noch an dramatischer Verdichtung fehlen. Mit merklich gereifter Sicherheit verband er die Sängerschar mit dem vorzüglich auf originalen Instrumenten musizierenden und vom Konzertmeister Dominik Kiefer gekonnt angeführten Orchester Capriccio Basel, wobei nie der Eindruck entstand, der Klangkörper überdecke die Voka-listen, die insgesamt ausserordentlich locker, unforciert und flexibel gestalteten.

Der Griff nach den Sternen hatte sich also in hohem Masse gelohnt – auch in der klugen Besetzung der Solostimmen. Starke Eindrücke gingen vorab von den beiden Frauenstimmen aus: Maria C. Schmid bewegte mit hellen, ausdrucksvollen und strahlenden Sopranhöhen, und Claude Eichenberger begeisterte mit ihrem immer noch ausgeglichener, wohltimbrierter und expressiver klingenden Mezzosopran.

Die kürzeren Männerstimmen-Einwürfe wurden vom kultiviert singenden Tenor Tino Brütsch und vom sonor grundierenden Bassisten René Koch einwandfrei verwaltet. Auf diese Weise ergab sich ein harmonischer Gesamteindruck, der denn auch vom in hellen Scharen herbeigeströmten Publikum in der Französischen Kirche Bern (und sicher auch tags darauf anlässlich der Wiederholung in der Stadtkirche Thun) mit lang anhaltendem Beifall verdankt wurde.

Martin Etter


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