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Kultur
Der Bund
Ergreifende Textnähe
FRANZöSISCHE KIRCHE · Der Laudate-Chor Thun verbindet die Aufführung beliebter kirchenmusikalischer Werke mit der Einladung zum tieferen, verstehenden Hören. Dies legte bereits das vom Dirigenten Jürg Jakob ausführlich kommentierte Textheft nahe. Zu Beginn des Gloria in D (RV 589) von Antonio Vivaldi schien es, als müssten sich die Aufführenden aneinander und an die schluckende Akustik gewöhnen. Durch das stark horizontale, vom Chorklang dominierte Vorwärtsstreben verschwanden die vertikalen harmonischen Spannungen. Auch im Duett betonten Iris Eggler (Sopran) und Claude Eichenberger (Mezzosopran) die strahlende Frische stärker als die Reibungen der Vorhaltsdissonanzen.
Eine solche Auffassung gewichtete die Kontraste zwischen den Sätzen und wirkte je länger, je überzeugender. Dem zärtlichen Siziliano der Sopranistin, eingebettet in ein inniges Oboensolo und von lichtem Continuo begleitet, folgten packend formulierte Punktierungen des Chorsatzes Domine fili. Anschliessend (Domine Deus) gestaltete Claude Eichenberger ihren Soloeinsatz in freiem Tempo. Damit verdeutlichte sie den Gegensatz zum eben Verklungenen ebenso wie das Zeitlose ihrer textlichen Aussage. In der Schlussfuge hatte der in jedem Register präzise gestaltende Chor längst ein ausgewogenes Verhältnis zum Orchester gefunden.
Obwohl von anderer Hand vollendet, gilt das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart in seiner ergreifenden Symbolik als spirituelles Testament des Komponisten. Sätze wie das erregte Dies Irae liessen die textnahe Interpretation des Dirigenten konkret erspüren. Die kontrapunktische Vielschichtigkeit des Werkes wurde durch einen transparenten, an der historischen Musizierpraxis orientierten Orchesterklang offenbar. Souverän nahm das von Florian Kellerhals angeführte Ad-hoc-Ensemble seine Begleit- und solistischen Funktionen wahr. Mit dem Tuba Mirum sei nur ein Beispiel genannt, wie Soloposaune und das Solistenquartett wunderbar ineinander griffen und den Klang stufenlos von der dunklen, sonoren Tiefe (René Koch) über weich und warm erzählende Mittelstimmen von Tenor (Tino Brütsch) und Mezzosopran zum klar und hell leuchtenden Sopran geleiteten. Die von Jürg Jakob im Textheft geäusserten Bedenken, dass man in der Partitur mehr lesen als am Konzert hören könne, wurden zugunsten eines durchaus dialektischen Verhältnis zwischen dem geschriebenen Text und seiner klingenden Realisation aufgehoben – der Rückblick in die Partitur offenbarte die am Hören gewachsene Erkenntnis. (bes)