© Bund; 2000-11-20; Seite 6; Nummer 272
Der Bund, Feuilleton
Südliche Gläubigkeit
Musik / Jürg Jakobs Laudate Chor und vorzügliche Solisten haben Rossinis «Petite Messe solennelle» präsentiert.
-tt- Jedes Volk hat sich seinen eigenen Weg zur Religiosität gebahnt: Gläubigkeit ist stets auch national gefärbt. So nähern sich Menschen aus dem Mittelmeerraum der Heilsbotschaft zweifellos anders als Bewohner nördlicher Regionen; so äussern sich Slawen auf diesem Gebiet bestimmt anders als Leute aus Iberien.
Gioacchino Rossinis «Petite Messe solennelle» aus dem Jahr 1864 kommt hör- und spürbar aus dem Süden, bewegt den Geist und das Herz auf sehr direkte, auf sehr spontane Art und zeigt uns nüchternen Binnenländern, dass unsere ernste und herbe Annäherung an religiöse Probleme nicht die einzige Form der Gottesfurcht ist.
Der von Jürg Jakob gegründete und kompetent geleitete Laudate Chor setzte sich mit Können, Disziplin und Gestaltungsfreude mit der Messe - und zuvor mit fünf Kurzwerken aus Rossinis Feder - auseinander und erwarb sich dabei den Respekt der zahlreich in die Französische Kirche Bern (und tags darauf wohl auch in die Stadtkirche Thun) geströmten Musikfreunde. Besondere Zustimmung gebührte den Männerstimmen, die ihre zahlenmässige Unterlegenheit durch klugen Einsatz wettmachten. Der ambitionierten Singgemeinschaft möchte man allerdings mehr Intonationssicherheit bei extremen Sopranhöhen wünschen - da gilt es, noch Verbesserungen zu erzielen.
Die instrumentalen Beiträge verwalteten der Pianist Reto Reichenbach und die Harmoniumspielerin Helene Ringgenberg in jeder Hinsicht untadelig - besonders Reichenbach erwies sich nicht nur als zuverlässiger, sondern durchwegs auch als intensiv-inspirierter Begleiter.
Hohes Lob erwarben sich zudem die vier Vokalsolisten. Liliane Zürcher lieh den Altpartien ihre apart timbrierte und vorbildlich geführte Stimme und ihre zutiefst berührende Ausdruckskraft, Ursula Füri-Bernhard ihren Aufgaben Differenzierung, Klangkultur, Expressivität und unwiderstehlichen Sopranglanz, Michel Brodard den Bass-Einwürfen vokale Plastizität, Eindringlichkeit und stilistische Meisterschaft. Für den erkrankten Stadttheater-Tenor Ulrich Köberle sprang kurzfristig Christophe Einhorn ein und überzeugte mit Einfühlungsvermögen, Flexibilität und stimmtechnischer Souveränität.
Das erschütternde Agnus Dei (vielleicht die haftendste Eingebung Rossinis überhaupt) entliess das Publikum tief beeindruckt: Die «Petite Messe solennelle» hatte wieder einmal ihre ganze Wirkungskraft unter Beweis gestellt.