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© Bund; 2000-04-17; Seite 6; Nummer 91

Der Bund, Feuilleton

Bewegende Grösse

Musik / In Herzogenbuchsee und in Thun brachte der Laudate-Chor Bachs Johannes-Passion zur Wiedergabe.

hk. Der von seinem Leiter Jürg Jakob in Thun gegründete Laudate-Chor hat sich in den sieben Jahren seines Bestehens einen Namen als überzeugender Vokalkörper gemacht. Traditionell tritt er alljährlich in der reformierten Kirche Herzogenbuchsee und in der Stadtkirche Thun mit einem grossen geistlichen Werk vor das Publikum.

Diesmal war es Bachs Johannes-Passion, deren musikalisch-geistige Tiefe er mit ausgezeichneten stimmlichen Mitteln erschloss. Dass dazu die Camerata Bern mit auserlesenen Bläsern verpflichtet werden konnte, dass man vor allem auch in der Wahl der Gesangssolisten keine Kompromisse einging, entsprach dem hohen chorischen Niveau.

Und man spürte von Anfang an, wie intensiv sich diese in den einzelnen Stimmlagen ideal durchmischte grosse Sängergemeinschaft mit der Bedeutsamkeit von Bachs Partitur auseinander gesetzt hatte, und so gelang es ihr, die grossartige Dimension des Werks in einem geistig weit gespannten Ablauf zur bewegenden Aussage werden zu lassen.

Stimmungsdichte

Bereits der monumentale Eingangschor offenbarte eindrücklich die gestalterischen Qualitäten: Kraftvoll und dennoch nie hart in der Kontur fügten sich die einzelnen Register zu einer schmiegsam differenzierten Einheit, und dieses atmende chorische Gefüge in seiner strahlenden Reinheit führte Jakob nicht nur in die erregend dramatische Zeichnung der Stimme des Volks, sondern er verlieh ihm in den Chorälen, die als tragende Säulen das Oratorium strukturieren, die geistige Tiefe und machte sie als schlichte Erhabenheit erfahrbar.

Diese Vielfalt an Stimmungsdichte, die steten rhythmischen und harmonischen Wechsel, oft in polyphonem Gefüge - insbesondere im zweiten Teil - in dieser vollkommenen Transparenz und so unmittelbar klangkultiviert freizulegen, war indessen nicht allein das Verdienst des Chors, da waren die Qualitäten der instrumentalen Partner und der Vokalsolisten mitentscheidend: Die Camerata Bern (Konzertmeisterin Monika Urbaniak) trug mit der Souplesse der Streicher und mit der fein angepassten Farbkraft der Bläser eine an Nuancierung entscheidend reiche Dimension in die Aufführung, einfühlend bereichert durch die Organistin Helen Ringgenberg.

Überzeugende Vokalsolisten

Der Bedeutsamkeit der Gesangssolisten in Bachs Oratorien wurden hier vier Interpreten mit ausgezeichnetem Können gerecht. Was Bach an harmonisch und stimmtechnisch anspruchsvoller Bewegung in die Soli einbringt, manifestiert sich vor allem in der Rolle des Evangelisten: Frieder Lang (Tenor) wurde ihr in der ganzen Spannweite emotionaler Bewegtheit gerecht.

Ruhiger laufen die Linien der beiden Bass-Soli: René Koch (Jesus) und Michel Brodard (Pilatus) entsprachen sich in Timbre und Plastizität ihrer sowohl im lyrischen wie im dramatischen Bereich überzeugenden Stimmen sehr gut.

Einen verhältnismässig kleinen Anteil haben Sopran und Alt. Christa Goetze gestaltete mit den Holzbläsern vor allem die Arie «Zerfliesse, mein Herz» zu einem strahlenden Höhepunkt, während der Alt Liliane Zürchers durch ausgeglichen schlichte warme Linie gefiel.