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© Bund; 1999-09-06; Seite 5; Nummer 207

Feuilleton

Wege aus dem Dunkel zum Licht

MUSIK / Der Laudate-Chor Thun gastierte mit Werken von Bach und Mozart in der Französischen Kirche Bern.

M. F. Um Wolfgang Amadeus Mozarts letzte Messe vor dem Requiem ranken sich manche Hypothesen und unbeantwortete Fragen.

Probleme stellt sie wegen ihrer Unvollständigkeit auch der Aufführung (wie das Requiem, mit dem ihr ähnlicher musikalischer Charakter sie verbindet). Lange hat man die fehlenden Teile mit Sätzen aus früheren Messen Mozarts ersetzt und damit nur die Textlücken ausgefüllt, aber kein stilistisch homogenes Ganzes geschaffen.

Nur Mozarts «Torso»

Der Laudate-Chor Thun hat sich für die Wiedergabe in der Französischen Kirche Bern (und zwei Tage darauf in der Stadtkirche Thun) einer neueren und künstlerisch vertretbaren Auffassung angeschlossen: Aufgeführt wurden nur die von Mozart vollendeten oder zumindest fertig entworfenen Teile der c-Moll-Messe.

Anders möchte man das Werk nicht mehr hören; denn nur so kommt seine auch für Mozart ungewöhnliche Grösse, Tiefe und ernste Haltung voll zur Geltung.

Natürlich ist dieser Torso nicht «abendfüllend», und es stellt sich die Frage, was ihm ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann. Die Lösung des Laudate-Chors war überzeugend. Mit Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 21 «Ich hatte viel Bekümmernis» fand sich ein Werk von ähnlich ernster Haltung und sogar tonartlicher Verwandtschaft, das überdies in Bachs Kantatenschaffen durch das Schwergewicht der Chöre und des Bibelworts auch eine gewisse Sonderstellung einnimmt. Und in beiden Werken stehen dem Ausdruck der Bedrückung und Hilflosigkeit auch Durchbrüche zum Licht der Zuversicht und Dankbarkeit gegenüber.

Was der Leiter Jürg Jakob mit seinem Chor, dem Orchester aus Berufsmusikern (zu einem wesentlichen Teil Mitglieder des Berner Symphonieorchesters) und den vier Gesangssolisten erreicht hat, war mehr als die Herausarbeitung der beiden gegensätzlichen Gefühlssphären.

Es gelang ihm vielmehr, den in den beiden Kompositionen angelegten Reichtum an Zwischentönungen, an Übergängen, an differenzierten Textbeziehungen der Musik durch zielbewusste, aber flexible, die gestalterischen Mittel klug dosierende Führung lebendig zum Ausdruck zu bringen. Bemerkenswert waren dabei die gelöste, dynamisch reich gestufte Singweise des Chors wie auch das ausbalancierte Zusammenwirken von Vokal- und Instrumentalstimmen, im Tutti wie in den Soli; hier als Musterbeispiele das berührende Konzertieren von Flöte, Oboe und Fagott mit dem strahlenden Sopran Barbara Lochers im Et incarnatus der Mozart-Messe und das angeregte Musizieren der Continuo-Gruppe mit dem geschmeidigen Tenor Christophe Einhorn, in der Kantate-Arie «Erfreue dich, Seele».

Mit der Mezzosopranistin Liliane Zürcher und dem Bassisten Michel Brodard waren zwei weitere ausdrucksvoll gestaltende Solisten gewonnen, die im ausgewogenen Quartett und in den Duetten mit der Sopranistin auch einfühlende Ensemblekunst beherrschten.

Es war ein Abend, der durch seine inhaltliche Geschlossenheit und durch die konzentrierte Ernsthaftigkeit und innere Bewegtheit des Musizierens beeindruckte.