eBund

© Bund; 1998-09-10; Seite 8; Nummer 210

Feuilleton

Mendelssohns «Paulus»

Musik / Chorkonzert in Herzogenbuchsee.

hk. Seit 1994 bringt der Laudate-Chor (Thun) unter seinem Leiter Jürg Jakob jedes Jahr ein bedeutendes geistliches Werk in der Stadtkirche Thun und in einer Kirche des Oberaargaus zur Aufführung. Auch diesmal bot sich Herzogenbuchsee mit seinem regional grössten Kirchenraum als idealer Konzertort für die grosse Sänger- und Orchestergemeinschaft - Mitglieder des Berner Symphonieorchesters (Elisabeth Vasilescu, Konzertmeisterin) - geradezu an, einerseits aus akustischen Gründen, andererseits des traditionell grossen Publikumsinteresses wegen.

Dass der Laudate-Chor nicht nur ein berufener Ausdeuter geistlicher Werke ist, vielmehr landesweit den besten Chören zuzuzählen sein dürfte, hat er mit Mendelssohns Oratorium «Paulus» eindrücklich bewiesen. Die bewegte, von allen Stimmlagen makellos rein und sprachlich klar geformte Klangkultur war an sich bemerkenswert, aber sie bedeutete erst die optimierte Gegebenheit, aus welcher der Chor den Geist dieses Werks sowohl in seiner Dramatik wie in seiner sensiblen Feinstruktur begriff und damit die reiche Aussage Mendelssohns zur eigenen Botschaft werden liess. Dabei wirkte Jakob als der inspirierende Übermittler, der eine weitgehend ideale vokal-instrumentale Einheit schuf und aus dem Orchester (mit Orgel) feinste lyrische Intensität (Klarinetten, Flöten) ebenso bewegend holte wie die dem Werk innewohnende markante dramatische Kraft, und es war wesentlich der schnörkellos durchgetragene und in seiner ganzen Tiefe durchempfundene Spannungsbogen, der die melodiöse und dynamische Genialität dieses Oratoriums erleben liess. In der dezenten Stimmungszeichnung lagen ausgezeichnete Orchesterqualitäten, die vor allem bei den Holz- und Blechbläsern bildhaft eindrücklich wirkten, die man sich allerdings im ganzen Klangkörper gelegentlich bei der Begleitung der Solisten noch flexibler hätte wünschen mögen (Duettino Tenor / Bass, Rezitativ Sopran, 2. Teil). Der Chor als zentraler Träger der weiten Ausdruckspalette zwischen den Chorälen und den packenden, transparent verdichteten Volksszenen, war umgeben von einem Solistenquartett mit ausgzeichneten stimmlichen Mitteln: Barbara Locher (Sopran) erfüllte ihren Part mit Licht und beseelter Emotion, Liliane Zürcher (Alt) entfaltete ihre ausdrucksvolle Stimme modulationsgewandt, und mit Frieder Lang war ein souverän gestaltungssicherer Tenor als Stimmungsträger und expressiver Künder mit von der Partie.

In seinem eher hellen Timbre fasste der junge Bassist Marc-Olivier Oetterli den Wandel vom Saulus zum Paulus vor allem in seiner geistigen Dimension überzeugend.