© Bund; 1997-09-16; Seite 6; Nummer 215
feuilleton
In eindrücklicher Grösse
Konzert / «Die Schöpfung» in Herzogenbuchsee
hk. Der 1993 in Thun gegründete Laudate-Chor hat sich unter Jürg Jakob in kuzer Zeit einen Namen gemacht als Oratorienchor von ausgezeichneter Substanz.
Mit Haydns «Schöpfung» erfüllte in der Stadtkirche Thun und der reformierten Kirche Herzogenbuchsee die grosse, in den einzelnen Lagen beispielhaft ausgewogene Sängergemeinschaft die hohen Erwartungen nicht nur durch ihre perfektionierte und doch natürlich wirkende Stimmkultur und wache Präsenz, sondern beeindruckte darüber hinaus durch ein lebendiges, fein differenziertes Durchtragen der geistigen Weite dieses Oratoriums, die Jürg Jakob in souveräner Übersicht fasste und unverspannt formte. Dass sich ein Chor von diesen Qualitäten mit erstklassigen Partnern umgeben kann, macht bei so hohen Ansprüchen, wie sie dieses reife, allumfassende Alterswerk Haydns stellt, erst das tiefe Erleben der elementaren Schöpfungskraft in seiner musikalisch genialen Vielgestalt möglich.
Diese Gegebenheiten waren mit Instumentalisten des Berner Sinfonieorchesters (Konzertmeisterin: Elisabeth Vasilescu) und den Gesangssolisten Barbara Locher (Sopran), Frieder Lang (Tenor) und Michel Brodard (Bass) optimal erfüllt. Da passte auch der warme Klangcharakter des Hammerklaviers (Helene Ringgenberg, Continuo) in die farbliche Dezenz, die Jakob werkumspannend aus Chor und Orchester holte und zum transparenten Stimmungsmoment werden liess. Gerade damit überraschte und überzeugte seine Ausdeutung: ein restlos transparentes und markant bewegtes Entfalten, das leere Dramatik bannte und immer wieder die feine Regung im metrischen und harmonischen Ablauf aufspürte und offenlegte. Einzigartige Bedeutsamkeit lässt Haydn hier der orchestralen Aussage zukommen: Die Berner Sinfoniker zeigten sich als inspirierte, fein konturierende Musiker, die den hohen Anforderungen registerklar und gewandt gerecht wurden und vor allem auch die Gesangssolisten schmiegsam stützten.
Deren solistische Leistung krönte den grossartigen Gesamteindruck: Barbara Locher (Sopran) war eine beseelend reife, innige Darstellerin (Gabriel), deren stimmliche Leuchtkraft mit dem hell und substanzvoll tragenden Tenor von Frieder Lang (Uriel) und der umfassenden stimmlichen Grösse des intensiv gestaltenden Bassisten Michel Brodard (Raphael) eine Einheit fand, die besonders im letzten Teil zum nachhaltigen Erlebnis wurde.