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© Bund; 1995-09-06; Seite 9; Nummer 207

feuilleton

HERZOGENBUCHSEE / Laudate-Chor Thun

Eindrücklicher «Elias»

hk. Unter den grossen Oratorien hat Mendelssohns «Elias» die reichste stilistische Prägung: Barock und Klassik verbinden sich hier in einer romantischen Überhöhung zu unerhörter Ausdruckskraft. Der Prophet Elias wird nach Textstellen des Alten Testaments zur zentralen Gestalt des Werks, sein Machtkampf gegen Baal zur dramatischen Auseinandersetzung mit dem Volk gegen den Götzenglauben. Nicht allein die Vielfalt der klanglichen Mittel, mit welcher Mendelssohn bewegende Dramatik und lyrische Schönheit miteinander verbindet, macht den «Elias» zu einem der anspruchsvollsten Oratorien, entscheidend ist vielmehr, im Reichtum an Stimmungen zur grossen Linie zu finden.

Dem vor zwei Jahren gegründeten Laudate-Chor Thun gelang gerade dies in einer Ausdeutung, die den hohen Anforderungen in jeder Hinsicht gerecht wurde. Dieser sowohl klangdynamisch als auch deklamatorisch kultivierte Chor mit seinen einsatzsicheren klaren Registern formte unter der souverän differenzierenden Stabführung seines Leiters Jürg Jakob eine vokale Aussage, die selbst in markanter Kraft die Transparenz der reichen Klangbilder in ihrer ganzen Tiefe erschloss. Dass der vorzügliche Oratorienchor ein adäquates grosses Orchester, bestehend aus Berner Berufsmusikern (Konzertmeisterin Elisabeth Vasilescu), zum Partner hatte und mit Verena Schweizer (Sopran), Verena-Barbara Gohl (Alt), Nicolai Gedda (Tenor) und Jakob Stämpfli (Bass) ein namhaftes Solistenquartett verpflichten konnte, schraubte die Erwartungen in der Stadtkirche Thun und in der reformierten Kirche Herzogenbuchsee hoch. Kurzfristig fiel allerdings Gedda aus, und an seine Stelle trat der deutsche Thomas Dewald, ein intensiv gestaltender Künstler, der sich aber mit seinem starken Vibrato stimmlich wenig entfalten konnte.

Als tragende Figur von grosser Persönlichkeit lebte der Bassist Jakob Stämpfli die zentrale Rolle des Elias. Staunenswert, mit welch befreiender Kraft und welch geschliffener Markanz dieser erfahrene Sänger sein Organ beherrscht und welch feine Register seine verinnerlichte Dramatik beseelten. In vergleichbar packender Intensität formte Verena Schweizer ihren Part, rückte ihn indessen etwas zu expressiv in die Nähe der Oper. Wesentlich verhaltener Verena-Barbara Gohl, eine lyrische Gestalterin mit einer warmen Altstimme, deren Qualitäten vom Orchester zeitweise etwas verdeckt wurden.